Endovelle - Die Pille
- Unknown Diarie
- 8. Dez. 2024
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 14. Dez. 2024
Das ist Teil 4 und damit auch der letzte Teil. Teil 1 ist 'Girlstalk: Unterleibsschmerzen', Teil 2 ist 'Der Termin beim Facharzt' und Teil 3 ist 'Frauenarzttermin'.

Liebes Tagebuch,
ich stand in der Apotheke, gab mein Rezept ab und bekam nach 5 Euro Zuzahlung eine kleine Packung mit Pillen für die nächsten 3 Monate. Diese Pillen sind auf Endometriose spezialisiert. Da es sich hier um ein Krankheitsbild handelt, sind die Pillen verschreibungspflichtig und deswegen ‚nur‘ die Zuzahlung der 5 Euro.
Zu Hause angekommen untersuchte ich die Schachtel genauer und las den Beipackzettel. Normalerweise lese ich sowas nicht und schon gar nicht, was bei den Nebenwirkungen alles drinsteht. Schließlich will ich mich selbst nicht verrückt machen. In dem Fall machte ich eine Ausnahme. Ganz oben stand Gewichtszunahme. Einige weitere Nebenwirkungen sind Haarausfall, Übelkeit / Erbrechen, Verstopfung oder Durchfall, Kopfschmerzen / Migräne, Akne, Schlafstörungen, Tinnitus, Hitzewallungen, Depressionen, Stimmungsschwankungen usw. ‚Welch rosige Aussichten‘, dachte ich mir. Da ich einen recht guten Draht zu meiner Chefin habe, bat ich sie, mich in den nächsten 3 Monaten zu beobachten und mir mitzuteilen ob ich mich irgendwie verändere, sei es entweder charakterlich oder optisch.
Ich hatte noch wenige Tage Schonfrist. Ich sollte mit meiner nächsten einsetzenden Regelblutung beginnen, die nicht mehr weit war. In der Zwischenzeit überlegte ich mir, wann eine passende Uhrzeit für die Einnahme sein könnteg, da die Tablette immer zur gleichen Zeit eingenommen werden soll. Die Wahl fiel auf 13 Uhr. Meist ist auf der Arbeit da meine Mittagspause zu Ende. Am Wochenende konnte ich trotzdem ausschlafen und habe in der Regel schon was gegessen. Die Blister waren auf der Rückseite ein Glück mit Wochentagen versehen, so dass ich immer sicher sein konnte, ob ich die Tablette schon genommen habe oder nicht. Die Tabletten waren weiß und dazu noch winzig.
Dann ging’s los. In den ersten 2 Tagen verspürte ich vorerst keine Veränderung, aber ich muss ehrlich gestehen, dass ich gar nicht weiß, wann Nebenwirkungen einsetzen. Von Tag 3 zu 4 verspürte ich nachts ordentlich Kniepen im Bauch, was mir ungewöhnlich erschien, da meist nach den ersten 2 Tagen alles ‚vorbei‘ war. Als ich morgens aufstand, musste ich schon rennen, weil ein ordentlicher Blutschwall austrat. Das ist auch eher ungewöhnlich, aber ich habe mir nichts weiter dabei gedacht. Nach knapp einer Woche war mir tagsüber immer etwas übel, aber auch hier schob ich es auf andere Parameter, wie beispielsweise das Wetter oder das Essen oder, oder, oder, bis ich mir einmal nachts die Seele aus dem Leib kotzte. Ein Glück kam das nur einmal vor und auch die Übelkeit stellte sich ein.Als meine Tage vorbei waren, spürte ich, dass etwas in meinem Bauch ‚arbeitete‘. Ich hatte des Öfteren ein ungutes Gefühl auf der linken Seite und ein paar Bauchknieperchen. Nicht immer, nicht dauerhaft, aber trotzdem so, dass es mir ein komisches Gefühl verschaffte. Nur wenige Tage nach meiner eigentlichen Regelblutung traten Schmierblutungen auf. Das ist lt. Frauenarzt aber normal, darauf hatte sie mich vorbereitet.Relativ schnell stellte ich an meinem linken Auge fest, dass ich eine kleine Pigmentstörung bekam. Es sah aus wie eine kleine Träne, die hinten aus den Augenwinkel lief. Man muss aber dazu sagen, dass die relativ schwach ist und durch mein tägliches Schminken gut kaschiert wird. Ich bekam mehr und mehr das Gefühl, dass ich Hitzewallungen bekam. Aber so richtig einschätzen konnte ich es schwer, weil es auch draußen einfach super warm gewesen ist. Trotz dessen hatte ich das Gefühl vermehrt zu schwitzen und besonders schlimm war es nachts.
Wie gut, dass ich immer ein Deo auf Arbeit parat habe. Einige Tage später, kam es soweit, dass ich mich nicht riechen konnte. Permanent hatte ich das Gefühl zu riechen. Ich glaube so oft, habe ich noch nie mein Deo auf der Arbeit benutzt. Ich fragte sogar meine Chefin, als sie mein Büro betrat, ob es in meinem Büro oder ob ich komisch rieche. Sie verneinte das, was mich etwas erleichterte. Nach einigen Tagen, war ein Glück alles wieder ok und das Gefühl, dass ich ‚stinken‘ würde war weg. Was hingegen nicht so schnell wieder ok war, waren die Bauchknieperchen und die Schmierblutungen. So wie die Schmierblutungen vorbei waren, hatte ich lediglich 2 bis 3 Tage Ruhe und es ging wieder von vorne los. Auch die Tage mit den Bauchknieperchen wurden irgendwie mehr und auch die Intensität wurde mehr. Das frustrierte mich, aber es half alles nichts. Augen zu und durch.
Nach knappen 3 Wochen wurde auch mein Schlaf zunehmend schlechter. Ich wachte oft auf, meist wie von der Tarantel gestochen, träumte nur Schrott oder konnte gar nicht schlafen und lag wach. Das Ganze hatte auch Einfluss auf meinen Arbeitsrhythmus. Ich war so früh wach und wellerte mich nur noch hin und her, so dass ich mich irgendwann dazu entschloss einfach aufzustehen. Während ich sonst erst kurz vor 8 Uhr, tendenziell eher nach 8 auf Arbeit war, war ich teilweise schon vor 7 Uhr auf Arbeit. Selbst meine Chefin fragte immer öfter, ob ich neuerdings morgens aus dem Bett fiel. Das schlechte Schlafen hatte natürlich Auswirkungen. Nach der Mittagspause hatte ich Probleme mich auf Arbeit zu konzentrieren. Ich hätte sofort meinen Kopf auf den Tisch legen können und ich schwöre, ich wäre eingeschlafen. Wenn ich mit dem Auto zur Arbeit fuhr und auf dem Rückweg war, hatte ich Probleme nicht in Sekundenschlaf zu verfallen und auch in der S-Bahn passierte es öfter, dass ich weg nickte und irgendwann wieder hochschreckte, um zu gucken, wo ich bin und um zu checken, ob ich meine Ausfahrt vielleicht schon verpasst habe. Jedes Mal wenn ich zu Hause war, war ich dann wieder wach. Ich war todmüde, was normalerweise zur Folge hätte haben müssen, dass ich abends so schnell müde bin, dass ich zeitig ins Bett gehe. Aber Pustekuchen. Selbst abends war ich so aufgekratzt, dass ich vor 12 nicht ins Bett kam. Es war schrecklich und irgendwie auch ein Teufelskreis. Freitags machte ich immer zeitiger Schluss. Das war auch der Tag, wo ich mich sofort zu Hause hinlegen musste. Aber selbst dann konnte ich meist nur eine halbe Stunde schlafen und schreckte dann wieder nach oben. Ich merkte auch, dass ich innerlich schneller gereizt war, als sonst. Kleine Dinge auf Arbeit regten mich viel mehr auf, auch im Alltag, wenn etwas nicht so klappte, wie ich es wollte, stresste mich das mehr.
Ich begann Anfang Juli mit den Tabletten. Mitte August kam es das erste Mal vor, dass ich mal länger als 14 Tage keine (Schmier)Blutungen hatte. Auch die Bauchknieperchen stellten sich ein. Somit dachte ich schon, dass ich über den Berg wäre. Aber auch hier – Pustekuchen. Nach 2,5 Wochen kriegte ich ähnlich starke Bauchschmerzen, wie sonst und hatte vermutlich meine Tage, den Blutungen nach zur urteilen. Ich brauchte eine Wärmflasche und auch ohne Schmerztabletten hätte ich es nicht geschafft. Während es sonst 1 bis 2 Tage so ging, hatte ich dieses Mal 4 Tage das ‚Vergnügen‘. Natürlich frustrierte mich das noch mehr. Zumal ich danach auch schon wieder zeitnah Schmierblutungen bekam. Auch das schlechte Schlafen hielt an. Und es gab noch 3 Dinge, die sich veränderten.
Mein Hungergefühl nahm zu. Neuerdings hatte ich morgens schon Knast beim Aufstehen und ich bekam mehr und mehr Heißhunger auf Süßigkeiten. Am Anfang versuchte ich all das zu unterdrücken, weil ich nicht zunehmen wollte. Aber irgendwann gab ich mich dem hin. Zu meiner Überraschung musste ich feststellen, dass das meiner Figur nichts tat. Eher im Gegenteil. Ich konnte mehr essen, ohne Auswirkungen zu verspüren. Selbst wenn ich mehrere Tage mal über die Strenge schlug, fühlte ich mich nicht unwohl, aufgebläht, dick oder gar schlecht. Wenn es mal 1 bis 2 Tage gab, an denen ich nicht so ‚viel‘ gegessen habe, hatte ich das Gefühl, dass man mir das direkt im Gesicht ansah. Die zweite Sache, ist, dass ich ab und an mal Tinnitus im Ohr hatte. Ein Glück immer nur kurz. Dennoch war es unangenehm. Last but not least hatte ich mehr Krampfadern am Bein. Ich hatte vorher schon welche, jetzt kamen sie noch mehr und deutlicher zum Vorschein und es waren auch mehr als vorher.
Nach knapp 3 Monaten saß ich erneut beim Frauenarzt und schilderte alles, was mir bis dahin widerfahren ist. Am meisten beklagte ich mich über meinen Schlaf, Blutungen, weil ich sonst wie ein Baby schlafen konnte. Und natürlich darüber, dass die Knieperchen und auch die (Schmier)Blutungen anhielten. Tja und jetzt…. Überraschung. Natürlich sollte ich die Tabletten noch weitere 3 Monate nehmen, um zu schauen, ob die Blutungen und die Knieperchen weggehen. Das kann länger als 3 Monate dauern, bis da Besserung eintritt. Das nervte mich. Gegen das schlechte Schlafen bzw. die Müdigkeit empfahl sie mir Vitamin B12 und gab mir eine Packung mit. Sie erklärte mir, dass sich die Nebenwirkungen ‚einstellen‘ können, wenn der Körper sich daran gewöhnt und endlich umgestellt hat. Des Weiteren gab sie mir noch eine Broschüre zum Thema Endometriose mit. Hier standen etliche Informationen drin, auch zu den Punkten Ernährung, Sport, Psyche usw.
Jetzt sind fast weitere 3 Monate um. Was soll ich sagen? Die Blutungen und auch die Bauchknieperchen haben sich eingestellt. Ich habe nur noch ganz selten mal ein paar Probleme. Das ist tatsächlich ein voller Erfolg, weil es sich so viel schöner ohne die Schmerzen und auch die Vorboten lebt. Mein Umfeld spiegelte mir auch zurück, dass sie weniger das ‚Negative‘ verspüren und ich in mir ausgeglichener wirke. Keine Angst mehr haben zu müssen, dass die Schmerzen und die Tage zwischen irgendwas grätschen, keine so krassen Höhen und Tiefen, keine übertriebenen Heißhungergelüste mehr, kein unkontrolliertes alles in sich hinein stopfen…Ich kann auch wieder etwas besser schlafen, habe aber dennoch mehr Probleme, als vorher. Ich schlafe unruhiger, träume mehr und bin öfter wach. Somit bin ich auch vermehrt müde, wobei ich mich da so langsam dran gewöhne. Auch mein Hunger- und Essverhalten, mein Tinnitus im Ohr, die Krampfadern und die Pigmentstörung am Auge sind geblieben. Neuerdings empfinde ich, dass ich auch stärker nah am Wasser gebaut bin. ABER, wenn’s weiter nichts ist…Das sind Dinge, mit denen ich leben kann. Lieber das, als diese blöden Bauchschmerzen und Vorboten. Mal unabhängig, ob es gut ist, jetzt die nächsten 20 Jahre Hormone zu nehmen (hier scheiden sich die Geister und es gab ja auch bei mir Gründe, dass ich keine genommen habe), so bin ich aktuell sehr fein damit und glücklich über den Verlauf. Ich hoffe, dass alles so bleibt.
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