Mein(e) Umzug(sentscheidung)
- Unknown Diarie
- 22. Sept. 2024
- 8 Min. Lesezeit

Liebes Tagebuch,
ich wurde letztens gefragt, was genau mich dazu bewegt hat, nach 11 Jahren noch einmal in eine andere Stadt umzuziehen. Ähm…ja...gute Frage, dachte ich mir. Spontan hätte ich vermutlich gesagt, dass ich einen Tapetenwechsel brauchte. Mit Sicherheit brauchte ich den auch, aber diese Antwort find ich immer etwas einfach daher gesagt. Weißt du, was ich meine, liebes Tagebuch? Es stecken meist noch andere Gründe dahinter, außer mal eben einfach so einen Tapetenwechsel zu vollziehen. Zumindest ist das bei mir öfter so. Sicher findet auch mal eine Veränderung statt, weil ich da Lust drauf habe. Aber bei großen Veränderungen stecken meist auch andere Gründe mit dahinter.
Ich begann mir in den laufenden Tagen mal Gedanken darüber zu machen und genau zu ergründen, warum ich damals diese Entscheidung gefällt habe. Vielleicht als Hintergrund: Ich bin in Stadt Z aufgewachsen und groß geworden. Aufgrund meiner damaligen Ausbildung zog ich mit 18 Jahren in eine andere Stadt. Stadt Y. Und in dieser Stadt bin ich erst so richtig erwachsen geworden. Ich habe in dieser Stadt gelernt, was es bedeutet eigenständig zu leben. Mit Geld wirtschaften, Einkaufen, Haushalt…. Was eben so anfällt, wenn man alleine und am Heranwachsen ist. Verantwortung für sich und sein Handeln übernehmen und Verpflichtungen eingehen und meistern. Sich mit Dingen beschäftigen, mit denen man sich vorher nie befassen musste. Ich habe in Stadt Y gelebt, gefeiert, gelacht, geliebt, meinen 1. Liebeskummer vollzogen, Freunde kommen und gehen sehen, ohne direkt zu wissen, was ein wahrer Freund ist und natürlich auch Freunde gefunden, die mir heute noch treu zur Seite stehen. Ich wurde nach meiner Ausbildung in meinem damaligen Betrieb übernommen und habe in Stadt Y auch nie den Arbeitgeber gewechselt. Gefühlt war mein Arbeitgeber wie (m)eine zweite große Familie. Wenn du das so liest, liebes Tagebuch, stellst du dir jetzt bestimmt dieselbe Frage, oder?
Ich versuche es mal zu erklären, auch wenn das vermutlich schwer wird, zu ‚erklären‘. Ich würde behaupten, dass es nicht die eine ausschlaggebende Situation war, sondern sich alles aus einem Entwicklungsprozess heraus ergeben hat. Es begann damit, dass ich mein Leben irgendwie, irgendwann etwas trist fand. Es passierte gefühlt jeden Tag dasselbe. Ich stand auf, ging zur Arbeit, kam heim, schaute meist fernsehen und das war’s. Ich hatte kein Hobby, ich ging selten vor die Tür, wenn ich nicht musste, ich machte kein Sport, geschweige denn hatte ich viele Freunde. Ich verbrachte also irgendwann mehr Zeit mit Kollegen / Freunden. Feierabendbier, gemeinsame Fahrradtouren, Koch- und Trinkabende oder eben spontan einen Abstecher zu unserem Lieblingscafé. Ich nenne es einfach mal Café. Grundsätzlich konnte man dort alles. Von Frühstück, über Mittagessen, bis hin zu Abendbrot und Cocktails gab’s dort alles. Ich ließ mich zu Laufrunden überreden oder ermutigen. Serien, für die ich mich früher nie interessiert hätte, stand ich auf einmal offen gegenüber und liebte sie schlussendlich. Ich entwickelte mich. Während ich also sonst eher ein kleiner Couchpotato war, wollte ich jetzt manchmal nicht ruhig auf der Couch sitzen. Je mehr Jahre verstrichen, desto mehr blühte ich auf. Zumindest fühlte es sich für mich so an. Ich war immer mehr verabredet und hatte so viele Leute, dass ich manchmal gar nicht wusste, mit wem ich mich zuerst treffen sollte, geschweige denn worauf ich Lust hatte. Ich entwickelte mich natürlich nicht nur geistig und körperlich, auch optisch habe ich so einige Phasen durchgemacht…uuuuh…wenn ich heute daran zurück denke, kann ich es manchmal schwer glauben. Aber nun gut. So ist nun mal das Leben. Ein stetiger Wandel und somit ist man selbst irgendwie auch oft im Wandel, sofern man das möchte.
Ich wollte irgendwann ein bisschen mehr. Bedeutet, auch wenn ich es gut bei meinem Arbeitgeber hatte, wollte ich gern meine Flügel ausbreiten. Ohne zu wissen woher der Gedanke kam, war ich mir sicher, dass mich das noch einmal weiter bringen würde. Ähnlich wie von zu Hause auszuziehen, wollte ich also mein zweites Nest, mein Arbeitsnest verlassen. Vielleicht wollte ich für mich auch was Anderes!? Ich war damals in einem CallCenter tätig. Ich habe eine ganz normale Ausbildung als Bürokauffrau absolvieren können und ich war auch nicht nur reiner Callcenter-Agent, sondern hatte Sonderaufgaben mit mehr Verantwortung. Aber es gehörte nun mal dennoch mit zu meinen Aufgaben. Und manchmal nervte es mich. Somit dachte ich mir, dass es doch noch was Anderes geben muss. Leider verlief meine Suche nach einem neuen Arbeitgeber schwieriger als gedacht. Ich habe etliche Bewerbungen geschickt. Ich hatte auch viele Einladungen zu Vorstellungsgesprächen, aber so richtig wollte es irgendwie nicht klappen. Entweder die Rahmenbedingungen passten nicht, man wollte mich nicht oder ich habe mich vielleicht doch selbst nicht getraut. Weil es mich irgendwann frustrierte, legte ich die Suche auf Eis. Also war ich einfach erst mal wieder mit dem zufrieden und glücklich, was ich hatte. Und ja tatsächlich gaben mir die Absagen noch mal einen kleinen Push für meinen derzeitigen Arbeitgeber. Zwischendurch wollte ich parallel neben der Arbeit auch mal studieren, aber nein…Ein Glück habe ich das nicht gemacht, mal unabhängig davon, wie es dazu gekommen ist, dass ich es nicht gemacht habe, so bereue ich das nicht.
Dann lernte ich einen Mann kennen bzw. wir kannten uns schon. Nur haben wir sehr lange Zeit nichts voneinander gehört oder uns gesehen und dann eine intensivere Zeit miteinander verbracht. Ich muss sagen hier begann so eine ziemliche Abwärtsspirale. In dieser Zeit war ich dankbar für all die Leute, die an meiner Seite standen und mich unterstützt haben. Nur war ich leider nicht immer fair zu den Leuten und leider Gottes hat es auch die eine oder andere Verbindung ziemlich auf die Probe gestellt oder auch nicht jede geschafft. Hier tut mir heute vieles im Nachgang leid. Wenn ich eins daraus gelernt habe, dass es kein Typ der Welt wert ist, seine Freunde auf einer anderen Stufe zu platzieren, wie den Freund selbst. Oder seine Freunde benachteiligt zu behandeln, nur, weil man den Typen sehen will. Ich war einfach richtig dumm, naiv und blind. Und in diesem Karussell, noch während ich mich darin befand, wollte ich schon das 2. Mal ‚ausbrechen‘, ähnlich wie bei meinem Arbeitgeber. Als die Geschichte mit dem Typen endlich nach ein paar Jahren vorbei war, kehrte zwar wieder Ruhe in mir und meinem Leben ein, aber irgendwie wurde ein anderer Prozess in meinem Kopf angestoßen. Während ich mit dem Typen gewesen bin, war ich gefühlt dennoch trotzdem immer alleine. Alles was ich gern machte, machte ich mit Freunden, aber nicht mit dem Typen. Und auch wenn ich alle meine Freunde liebte, ‚nervte‘ es mich manchmal immer jemanden suchen zu müssen, der mal kurz mit mir vor die Tür geht, um einen Spaziergang zu machen. Und meist blieb es ja dann eben auch nicht dabei, somit verbrachte man wieder den ganzen Tag mit Freunden, machte aber nicht das, was man eigentlich für den Tag geplant hatte und wenn es nur auf den Körper hören und ausruhen gewesen wäre. Verstehst du, was ich sagen will Tagebuch? Somit begann ich eben auch das eine oder andere alleine in die Hand zu nehmen. Wie kannst du dir das vorstellen? Ein Beispiel: Ich war eine Zeit lang mit einer Arbeitskollegin schwimmen. Anstatt mich davon abhängig zu machen, ging ich halt einfach alleine zu einer Zeit schwimmen, in der es mir passte, ähnlich wie beim Joggen. Am Anfang war ich immer mit einem Kollegen. Später war ich eher viel alleine. Ich hatte Lust auf einen Cappuccino in einem kleinem gemütlichen Café? Also suchte ich mir eins und beobachtete die Menschen, während ich mein Heißgetränk genoss. Ich wollte sonntags einen kleinen Spaziergang machen? Dann tat ich das, alleine und mit Musik auf den Ohren. Ich entdeckte Orte und Ecken, in denen ich vorher noch nie gewesen bin und verweilte dort eine Weile. Und es war so schön dort. Und es war auch schön mal alleine für sich zu sein. Schließlich gibt das einem erst Raum Gefühle zu interpretieren, sich und Situationen zu reflektieren und Gedanken und Ideen zu entwickeln. Das erklärt auch die letzteren Zeilen in meinem letzten Blog (Mein Leben in 10 Jahren), wie es überhaupt dazu kam, dass ich auch Dinge alleine tat. Einige meiner Freunde finden das z. T. immer noch komisch und würden das niemals tun und schon gar nicht alleine. Ich bin damit absolut fein. In dieser Zeit hatte ich schon mal die Idee einen Blog zu schreiben. Ja, das war 2019.
Zurück zum Thema: Last but not least: Meine beste Freundin ist von Stadt C nach X gezogen. Wir haben immer mal darüber gewitzelt, wie schön es wäre, wenn wir wieder in einer Stadt wohnen würden. Wir kannten uns aus Stadt Z, weil wir beide dort aufgewachsen sind. Ich wusste auch, dass es von meinem Arbeitgeber ebenso einen Standort in Stadt X gibt. Sie ermutigte mich, doch einfach zu fragen, ob ich den Standort wechseln kann. Ich sagte zu ihr damals noch ‚IRGENDWANN‘. Anscheinend war ich einfach noch nicht bereit oder noch nicht überzeugt genug von der Idee. Vielleicht musste auch diese Idee erst mal reifen. Fakt ist: Als ich sie Anfang 2020 besuchte, um mit ihr sonntags ein Konzert zu besuchen, wollte ich mir Stress ersparen, weswegen ich fragte, ob ich den Montag danach bitte in Stadt X im Standort arbeiten kann, um nicht abends noch den weiten Weg nach Hause fahren zu müssen. Das war kein Problem und dann ging auch eigentlich alles ziemlich schnell.
In diesem Standort arbeitete bereits ein Teamleiter, der früher mal in meinem Standort gearbeitet hat. Als er mich erblickte, freute er sich mich zu sehen. Natürlich quatschten wir kurz und somit verkündete er, dass er Trainer sucht, die neue Leute einarbeiten und schulen. Er kannte mich und meine Arbeitsweise und fragte, ob ich nicht interessiert wäre. Er könne mir Stadt X nur empfehlen, er hätte es nicht bereut dahin umgezogen zu sein. Ich wäre unter ihm angestellt und er kann sich diese Aufgabe für mich ziemlich gut vorstellen. Anfangs dachte ich noch, dass es ein Scherz gewesen ist. Er musste dann leider auch los. Als er mir dann aber noch mal eine E-Mail schrieb als ich wieder in Stadt Y angekommen bin, wusste ich, dass er das ernst meinte.
JETZT begann ich wirklich darüber nachzudenken, ob ich das wollte, ob das im Rahmen meiner Vorstellung lag, was das bedeutete usw. Ich dachte an meine Vergangenheit und die ‚Impulse‘ mich weiterzuentwickeln. Ebenso an den Impuls von ‚Ausbruch‘.
Ich dachte an meine Freunde, an mein schönes zu Hause und an all das, was mich glücklich machte und was ich der Stadt und allen zu verdanken hatte. Wollte ich all das ‚aufgeben‘? Auch als ich hin und her gerissen war, erzählte ich nur einer Person von dem Angebot nach Stadt X gehen zu können, mit dem Hinweis, dass ich keinen Rat möchte. Ich wusste, dass ich diese Entscheidung alleine und für mich treffen muss, damit mir niemand reinredet.
Eines morgens wachte ich auf und wusste, dass ich das machen werde. Vielleicht war es der Impuls, nach denen, die ich schon hatte, wo sich aber nicht ausreichend genug getan hat. Da war diese Stimme, die mir sagte: „Jetzt oder nie, es ist an der Zeit aufzubrechen.“
Zu verlieren hatte ich nichts. Dadurch, dass ich erst mal halbwegs in meinem gewohnten Arbeitsumfeld blieb, würde mich hier schon einmal nicht so viel Neues erwarten. Ja, ein paar neue Kollegen, aber einige kannte ich schon vom Telefon oder eben von einer Firmenfeier, welche standortübergreifend stattfand. Somit wusste ich schon, dass die Leute nicht beißen. Noch dazu, ich hatte bereits einen Tag in Stadt X im Standort gearbeitet und da wirkten alle interessiert und aufgeschlossen. Und ich kannte bereits jemanden und zwar meine beste Freundin.
Trotz meiner vielen Erlebnisse und meiner Freunde in Stadt Y, war es Zeit für ein neues Kapitel und für Weiterentwicklung. Ich hatte in Stadt Y kein Glück in der Liebe, ich hatte in Stadt Y kein Glück beim Arbeitgeberwechsel und um schlussendlich die richtigen Freunde zu finden, hat es sehr lange gedauert. Stadt X könnte mir neue Möglichkeiten bieten. Frischer Wind, andere Perspektiven, andere Menschen…
Ehe ich es mir anders überlegte, ging ich noch am gleichen Tag fest entschlossen zu meiner Chefin, um Sie zu bitten mir beim Standortwechsel zu helfen. Natürlich war sie schockiert und wollte mich nicht gehen lassen. Dennoch half Sie mir, weil Sie ebenso wollte, dass ich glücklich werde. Ich wartete noch, bis ich grünes Licht beim Standortwechsel bekam und begann dann meine Entscheidung nach und nach jedem zu vermitteln.

Mittlerweile sind schon wieder 4 Jahre vergangen. Ich wohne in Stadt X manchmal so, als wäre es schon immer so gewesen. Ich habe es nie bereut, wobei mir meine Freunde manchmal schon fehlen. Mal eben schnell auf einen Kaffee treffen, fällt leider aus. Die Widersehensfreude ist dafür umso größer. Tja, liebes Tagebuch, schon verrückt, wie die Dinge manchmal so kommen oder?
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