Meine Home-Office-Erfahrung
- Unknown Diarie
- 20. Okt. 2024
- 6 Min. Lesezeit
Liebes Tagebuch,
während der Corona-Zeit wurde Home-Office immer mehr ausgedehnt bzw. genutzt, um die Auflagen besser erfüllen und dennoch bestmögliche Arbeit leisten zu können. Während es für viele anfangs ein ungewohntes Terrain war, hatte ich wenige Wochen / Monate später das Gefühl, dass es immer mehr gehypt und bei Menschen immer mehr zur Grundvoraussetzung wurde. Viele wollten / wollen nicht wieder zurück ins Büro und empfinden einen Tag im Büro schon als lästig.

Ich habe mich immer dagegen gewährt ins Home-Office zu gehen. Ich bin ein sozialer und kontaktfreudiger Mensch, somit konnte ich mir einfach nicht vorstellen, dass Home-Office gut für mich wäre, ohne es jemals wirklich über einen längeren Zeitraum probiert zu haben. Es ist nicht so, dass ich nicht durchaus auch die Vorteile gesehen habe. Fast alle meine Freunde waren ganz begeistert je länger das Arbeiten zu Hause anhielt. Bitte verurteile mich nicht, aber ich bin nicht geimpft. Zu Corona-Hochzeiten durfte ich täglich nur mit aktuellem Testergebnis das Büro passieren und das war bei stetig wechselnden Schichten manchmal ziemlich nervig und die Zeit, die dafür auch jedes Mal drauf ging… Schrecklich! Diese ganze Zeit war einfach nur ätzend. In diesem Zeitraum wurde ich bestimmt 100 Male gefragt, warum ich nicht einfach ins Home-Office wechsele. Ja, ich hätte es definitiv leichter haben können. Aber mein Bauchgefühl, sagte mir, dass das nicht mein Weg ist und nicht zu mir passt. Und dann kam Tag X.
Als sich um Corona so langsam alles beruhigte und stabil wurde, tat sich bei mir die Möglichkeit auf, intern die Abteilung bzw. irgendwie auch die Firma zu wechseln. Ich konnte zurück zu einem Thema, welches mir vor einigen Jahren viel Freude bereitet hat. Dazu gab’s noch einen höheren Verdienst. Jeder normale Mensch hätte vermutlich sofort zugesagt. Und ich? Ich zögerte. Und warum? Die Voraussetzung dafür war Home-Office. Der interne Wechsel bedeutete zu unserer Hauptzentrale mit Sitz in W zu wechseln. Umziehen wollte ich nicht. Jede Woche vor Ort sein und mir ein Hotel suchen ebenso wenig. Somit blieb nur Home-Office übrig, was ich bisher strikt abgelehnt hatte und wovor es mir gruselte. Nach einigem hin und her entschied ich mich das Abenteuer zu wagen. Wie oben schon geschrieben, ich hatte es nie wirklich probiert. Und wer weiß, vielleicht könnte ich mich doch damit anfreunden!?! Viele meiner Freunde aus dem Home-Office sprachen mir ‚Mut‘ zu und davon, dass ich mich schnell daran gewöhnen und es dann auch lieben würde. Zum damaligen Zeitpunkt gab es durchaus schon mal den einen oder anderen Tag, an dem ich zu Hause gearbeitet habe, beispielsweise, weil ich zu einer Corona positiven Person Kontakt hatte. Diese Tage waren weniger schlimm als erwartet, sodass auch ich versuchte optimistisch zu bleiben. Ich richtete mich entsprechend meiner Möglichkeiten ein, denn ein 3tes Zimmer hatte ich leider nicht. Schneller als gedacht, kam der Tag an dem es losging.
In den ersten 14 Tagen stand für mich fest, dass ich erst mal den Vorteil komplett ausnutzen würde, länger zu schlafen. Zack bestand auch hier schon mein 1. Problem. Mir fehlte komplett die Struktur. Aufstehen, fertigmachen, auf dem Weg zur Arbeit sich gedanklich schon auf die Arbeit vorbereiten, …. Ok – das hat schon mal nicht geklappt. Ich legte mir also eine Struktur zurecht doch wieder zeitiger aufzustehen, mich normal fertig zu machen als würde ich zur Arbeit aufbrechen und vor der Arbeit noch eine Runde um den Block zu gehen, um einen Arbeitsweg zu suggerieren. Anfangs klappte das noch recht gut, später dann nicht mehr, weil mir der „Druck“ fehlte, irgendwohin zu müssen. Hier war ich einfach nicht diszipliniert genug. Aus der Jeans wurden doch wieder Jogger oder Leggings. Wenn ich doch eh im Home-Office bin, so dachte ich, wo wäre der Vorteil, wenn ich dann doch mit Jeans den ganzen Tag dort sitzen würde, wo es doch eh keiner sieht? Und so ging es mit allem so weiter. Während ich es anfangs cool fand, immer zu Hause sein, wenn meine Pakete kamen, so nervte es mich irgendwann furchtbar, dass die Klingel mich aus meinen Gedanken riss und ich als Dank noch für das ganze Haus die Pakete annehmen durfte, so dass es eben auch noch 3 Mal öfter klingelte. Während ich es anfangs cool fand, dass mein Kühlschrank direkt um die Ecke stand, merkte ich später an meinen Sachen, dass ich mehr aß, als im Büro und natürlich auch zulegte. Ich legte nicht nur zu, weil ich mehr gegessen habe, sondern weil ich mich auch automatisch weniger bewegte. Während ich früher zur Arbeit mit dem Rad gefahren bin, ging ich jetzt mit viel Glück wenige Schritte vor der Arbeit und vielleicht auch nach der Arbeit. Der Auftrieb, den ich sonst hatte, wenn ich von Arbeit kam, um noch Wege zu erledigen, stellte sich ein. Und so kam es, dass ich auch hier Wege einsparte, weil ich begonnen habe, Dinge/Wege zu sammeln, damit es sich lohnt das Haus zu verlassen. Ich spürte richtig, wie träge ich wurde. Ich bekam keinen neuen Input mehr von außen, kurze Dienstwege, mal kurz ein Pläuschchen halten am Drucker oder Kaffeevollautomaten, in der Mittagspause mit Kollegen spazieren… Es war einfach alles weg. Ich muss dazu sagen, dass mich der Inhalt des Jobs auch nicht befriedigt hatte. Onlinemeetings mit Kollegen, Abwechslung, Kontakt zu Kunden – Fehlanzeige. Ich war gefangen in meiner Blase. Mein zu Hause fühlte sich nicht mehr wie ein zu Hause an, da auf einmal mein privater Bereich mit meinem Arbeitsbereich verschmolzen ist. Dadurch, dass mir der Job nicht wirklich Spaß machte, lies ich mich zu Hause von allem doppelt und dreifach so viel ablenken, wie auf Arbeit. Ich habe hier mal eine Wäsche gemacht, in meiner Mittagspause den Spüler ausgeräumt, kurz gesagt: Meine Wohnung war immer blitzblank. Ich hatte immer Zeit alle meine Nachrichten bei WhatsApp und Co. zu beantworten, haufenweise Instagram-Storys anzusehen, sämtliche 0815 Sendungen über RTL + parallel zu gucken. Für einige / viele Personen, die das lesen, klingt das vermutlich nach dem Paradies. Nach der Arbeit einfach mit allem fertig sein, um sich sich selbst widmen zu können. Für mich war es der Anfang vom Ende.
Anfangs hielt ich mich privat gut über Wasser. Ich machte mir das Leben schön, fuhr hierhin und dorthin und lud mir den Kalender voll. Irgendwann merkte ich, dass ich dem Pensum nicht standhalten konnte. Ich brauchte eine „Pause“ und dann ging’s noch mal richtig und rapide bergab. Ich wurde noch träger. Alles was mir Spaß machte und mich auszeichnete, all das wurde mir irgendwann zu anstrengend. Ich wollte nicht mehr rausgehen und ließ auch Sport eine Zeit lang komplett schleifen. Weil mich die Arbeit ebenso wenig erfüllte, wie das Home-Office, bekam ich gefühlt kein Burnout, sondern ein Boreout. Ich langweilte mich während der Arbeit. Obwohl ich keinen Stress und keinen Druck hatte, fühlte ich mich nach der Arbeit völlig erschöpft. Mein Gehirn schrumpfte gefühlt um das doppelte ein und ich vegetierte einfach nur noch so vor mich hin. Innerlich hatte ich aufgegeben und gekündigt. Jeder Tag wurde länger und zog sich mehr und mehr wie ein Kaugummi. Ich war schlecht drauf, unzufrieden und super schnell genervt.
Nach knapp einem dreiviertel Jahr wurde mir bewusst, dass es so einfach nicht weitergehen kann und mein Leben außer Kontrolle geraten ist. Also suchte ich mir einen neuen Job, der mich wieder mehr forderte und ausfüllte und auch einen, wo ich wieder ins Büro gehen konnte. Nach einer kleinen Durststrecke wurde ich endlich fündig. Meine Vorfreude war riesig, jedoch hatte ich auch etwas Respekt, vor der Umstellung zurück. Waschen, einkaufen, sauber machen musste alles wieder nach der Arbeit erledigt werden. An Essen zum Mitnehmen musste gedacht werden und auch das musste vorbereitet werden. Und auch wenn du vielleicht lachst, aber ich hatte auch bisschen „Schiss“, dass ich jeden Tag Hunger haben würde, da ich so viele Fresspakete gar nicht mitnehmen kann.
Jetzt, ca. ein Jahr später: Es geht mir so viel besser. Ich bin seitdem noch mal richtig aufgeblüht. Ich freue mich jeden Tag meiner Vorgesetzten ins Gesicht zu schauen. Ich habe ein eigenes Büro und kann mich auch hier ein wenig kreativ ausleben, was die Pinnwandgestaltung und die Gestaltung im Fensterbrett anbelangt. Ich habe eine saubere Trennung zwischen Arbeit und Büro und ich fühle mich wohl, weil ich wieder mehr und mehr aktiv werde. Ich esse wieder ein bisschen weniger, ich fühle mich gebraucht, habe täglich Austausch mit Kollegen… . Ich könnte noch ewig so weitermachen. Meine Gedanken und auch mein Bauchgefühl haben sich bestätigt. Ich bin nicht für Home-Office gemacht, zumindest nicht dauerhaft. Es ist durchaus in Ordnung für mich, wenn ich mal einen Tag zu Hause arbeiten muss, aus xy Gründen. Ich werde mit Sicherheit aber nie wieder einen Job annehmen, an dem Home-Office eine Grundvoraussetzung ist. Diese Erfahrung war mir eine Lehre. Home-Office und ich hatten unsere Chance.
Liebes Tagebuch, auch wenn alles besser ist, als vorher, möchte ich dir dennoch ganz offen sagen, dass der Weg zurück nicht so easy war, wie ich anfangs dachte. Vor meiner Home-Officezeit hatte ich einen Fahrradweg von knapp 20 Minuten, mit dem Auto bei wenig Verkehr waren es 10 Minuten. Jetzt habe ich einen deutlich längeren Fahrtweg, so dass ich mit dem Auto, ebenso mit der S-Bahn einen Weg von ca. 50 Minuten habe, für eine Strecke. Für den Anfang wäre vielleicht ein kürzerer Arbeitsweg von Vorteil gewesen, aber alles Gute ist nie (oder besser – selten) beisammen.
Du kannst dir also vorstellen, wie groß anfangs mein Struggle war, sowas wie Wäsche, einkaufen, Sport und Co. wieder nach der Arbeit zu erledigen? Es ist heute teilweise noch so, dass ich manchmal gegen 6 / 6:30 Uhr das Haus verlasse und 17 / 17:30 Uhr erst wieder zurück bin. Da bleibt nicht mehr super viel übrig vom Tag. ABER – Ich will mich gar nicht beschweren. Es hat alles seine Vor- und Nachteile, somit ist es einfach eine Frage der Organisation. Ich bin glücklich da, wo ich jetzt bin und würde definitiv nicht wieder zurücktauschen.
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