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Urlaub in Ägypten



Liebes Tagebuch,

da saß ich nun in Ägypten mit einem von der Sonne geröteten Gesicht.

Es ist schon irgendwie ‚witzig‘, dass mein Gesicht das einzige gewesen ist, was ich mit Sonnencreme versorgt habe und es im Gegensatz zum Rest meines Körpers rot aufleuchtete.


Über 5 Jahre war es her, dass ich mal so richtigen Strand und chilli milli Urlaub mit AI gemacht habe. Gefühlt hatte ich fast vergessen, wie das ist. Rund um die Uhr essen, kaum bewegen, hier ein Gläschen Wein, da ein Cocktail, schlafen - wie lange und so oft man möchte, den ganzen Tag Sonne,

Meer, Strand / Sand, baden…

Zwischendurch immer mal ein Ausflug, ein bisschen Sightseeing und ein paar

Hintergrundinformationen – FANTASTISCH!


Und natürlich fiel mir auch wieder auf, wie anders alles ist, als bei uns. Während es bei uns viele Verkehrsschilder und strikte Regeln im Straßenverkehr gibt, fahren dort gefühlt alle, wie sie wollen. Es gibt wenig Autos, die keine Schramme oder Beule haben. Verkehrsschilder gab es dort nur wenige. 4 Personen auf einem Moped mit Badelatschen oder FlipFlops ohne Helm ist dort total normal.

Während es bei uns „geregelte“ Arbeitszeiten und ein Arbeitszeitgesetz gibt, arbeiten gerade die Leute im Hotel in meinen Augen rund um die Uhr. Ob da einer so richtig auf Ruhe- und Pausenzeiten achtet, mag ich zu bezweifeln. Lt. Tourguide leben einige Männer außerhalb der eigentlichen Stadt in der sie wohnen, um zu arbeiten. Da es sich nicht lohnt nach Hause zu fahren, da der Weg zu weit ist, leisten Sie jede Menge Überstunden und schicken das Geld nach Hause zu ihren Familien.


Ein Fischmarkt ohne die Kühlkette zu unterbrechen, wäre bei uns unvorstellbar. Stattdessen gab es vor Ort eine Halle, wo es ausschließlich Fisch zu kaufen gab. Klar, es gab hier und da etwas Eis, aber mehr irgendwie auch nicht. Es roch nicht einfach nur nach Fisch, sondern stank Meter weit. Der Geruch – schwer beschreibbar. Eine Mischung aus Fisch, schlechtem Ei und irgendwas gülliges.


Bei uns würden heutzutage wenige auf die Idee kommen, ein Boot aus Holz zu bauen. Und dort war eins größer als das andere. Auch Gerüste, um Fassaden zu sanieren, sind aus Holz. Diese werden mit Seilen miteinander verbunden befestigt.


Während wir mehr und mehr auf Elektroautos oder zumindest auf Hybrid Modelle setzen, um die Co2-Emmission zu senken, sind die Menschen in Ägypten ganz weit weg davon. Bei den Autos ist eins älter, als das andere. Und wenn wir mal kurz genau bei diesem Thema bleiben, frage ich mich, warum wir so viel für den Klimawandel tun (sollen). Klimawandel ist ein wichtiges Thema. Wenn ich aber sehe, dass es in anderen Ländern keine Rolle spielt, weil die Länder nicht fortschrittlich genug sind,

Gelder oder gar Ressourcen fehlen, frage ich mich, ob unser Ziel dann von Erfolg gekrönt ist bzw. jemals sein wird. Müll wird einfach an den Straßenrand oder ins Mittelmeer gekippt, Plastiktüten wehen über Felder oder schwimmen im Wasser. Recycling? Vielleicht 2% des Mülls wird recycelt. Manche verbrennen dort auch unkontrolliert den Müll. Und was hat das zur Folge? Genau, die Luftqualität verschlechtert sich dadurch.


95% der Informationen stammen von einem Guide, der in Ägypten lebt, was quasi auch bedeutet, dass es sich hier um eine sichere Quelle handelt. Auch er hat noch einmal bestätigt, dass Ägypten inoffiziell nichts für den Klimawandel tut. Kairo ist in meinen Augen keine schöne Stadt und spiegelt mein Geschriebenes wieder. Kleine Gassen, viel Verkehr und noch mehr Dreck. Solaranlagen auf Häusern? Unvorstellbar. Viele der Häuser sind unfertig und werden meist erst nach Jahren fertig gestellt. Alles Ersparte was Ägypter haben, stecken sie in ein Haus. Selbst wenn das Haus noch kein richtiges Bad und keine richtige Küche besitzt, geschweige denn Fenster, ziehen Familien dort ein. Teilweise sind Familien mit Tanten und Onkeln so groß, dass mehr als 10 Personen auf engstem Raum in einem Zimmer leben. Irgendwie finde ich die Vorstellung gruselig.


Ägypten ist eher ein armes Land. Und man sieht es nicht nur, sondern spürt es auch. Um die Hotelanlage zu verlassen, braucht man in meinen Augen eher ein dickes Fell. Ich bin noch keine 10 Meter gegangen und wurde schon 3 Mal gefragt, ob ich ein Taxi brauche bzw. wo ich denn hinmöchte. In einer Gasse / Straße mit mehreren Geschäften, sitzt oder steht vor jedem Geschäft einer, der die Passant*innen anquatscht. Und manche sind auch wirklich penetrant, so als gäbe es das Wort ‚nein‘ nicht in deren Wortschatz. Sie wollen die Leute dann in ein Gespräch verwickeln, um doch ihre Ware noch anpreisen zu können. Kinder, die nach Geld flehen, um sich etwas zu essen zu kaufen, wird man kaum wieder los. Das ist auf jeden Fall schon nicht ohne. Auch bei Ausflügen – es wird nichts gemacht ohne Hintergedanken. Ein Securitymann fragte mich, ob er ein Bild von mir schießen soll, um danach die Hand aufzuhalten und nach einem ‚Geschenk‘ zu fragen. Mir drückte ein Mann ein Stück Pappe in die Hand, damit ich mir in einem der Grabmäler Wind zu wedeln konnte, weil die Luft stickig und es unfassbar warm war, um danach die Hand aufzuhalten, als ich die Pappe wieder abgegeben habe. Ich bekam tolle Duftessenzen und Kräuteröle gezeigt, aber die Option keins zu nehmen, gibt es dort gefühlt nicht. Selbst der Kamelführer beim Kamelreiten hielt die Hand auf, obwohl ich das Kamelreiten schon bezahlt habe. Gutmütig, wie ich bin, hat er 5 Euro bekommen und beschwerte sich immer noch, dass es ‚nur‘ 5 Euro sind, die er bekommen hat. Und so

ging es nur, egal, wo ich gewesen bin. Puuuuh…

Ich bin nicht zimperlich und habe diesbezüglich tatsächlich eher ein dickeres Fell, aber zum Ende meines Urlaubs, empfand ich es dennoch als super anstrengend und irgendwie auch undankbar da ich in meinen Augen großzügig Trinkgeld gegeben habe.


Während meines Urlaubs lernte ich Ali kennen. Ali arbeitete in einem Geschäft in der Hotelanlage. Das Geschäft ähnelte einem von vielen, welche ich außerhalb der Hotelanlage gesehen habe. Es ist vielseitig aufgebaut, vom kleinem Magneten, über AirPods, Zigaretten, Taschen, Fußballtrikots, Duftessenzen bis hin zu Schuhen und vielem mehr. Natürlich versuchte Ali am ersten Tag auch bei mir sein Glück und bot mir alles an, was der Laden hergab, nur war er da bei mir an der falschen Adresse. Was ich bei Ali wiederum gut fand – er hörte auf, als er merkte, dass ich nicht interessiert bin und wirkte dadurch weniger aufdringlich als die anderen. Er konnte ziemlich gut Deutsch und hatte vielleicht auch schon mehr ein Gespür für Deutsche und ihre „Gewohnheiten“. Noch dazu war Ali super gastfreundlich. Ich besuchte Ali mehrfach und bekam jedes Mal Granatapfeltee. Ich wollte ein bestimmtes Fußballtrikot für meinen Neffen? Er besorgte es mir. Ich hatte Interesse an ein paar Schuhen, die es nicht in meiner Größe gab? Er besorgte sie mir und das obwohl er in einen Stadtteil musste, weil ich kleine Füße und somit eine nicht gängige Schuhgröße habe. Ich hatte Schnupfen? Ali machte mir sofort ein Dampfbad für die Nase fertig mit Kräuteressenzen, damit ich wieder besser Luft bekam. Jedes Mal sollte ich mich wie zu Hause fühlen und mich setzen. Wenn keine anderen Kunden da waren, setzte er sich zu mir und wir „quatschten“ ein bisschen. Ali arbeitet seit mehreren Jahren in dem Geschäft und verdient ca. 350 Euro im Monat. Er steht von 10 bis 22Uhr im Geschäft und das 7 Tage die Woche. Es ist egal, wie viel er verkauft. Er bekommt immer die angegebenen 350 Euro im Monat. Lt. seiner eigenen Aussage hat Corona den Ägyptern schwer zugesetzt. Und irgendwie konnte ich mir das gut vorstellen, denn auch bei uns hat sich seitdem einiges verändert. Als ich Richtung Hafen spazierte, erkannte ich in der einen Straße, wie viel gefühlt Stillstand und

somit brachlag. Ali hatte vor Corona eine Miete im Schnitt von 70 Euro. Die Miete hat sich jetzt fast verdoppelt. Des Weiteren hat Ali 4 Kinder und eine Frau. Es gibt super oft Nudeln oder Reis zu essen, weil das günstige Lebensmittel sind. Fleisch gibt es nur selten und auch nur zu besonderen Anlässen, da sie es sich sonst nicht leisten können. Zum Geburtstag gibt es keine Geschenke, wie bei uns. Das Geschenk ist der Kuchen und eben außergewöhnliches Essen. Das Geschäft ist mit Kameras überwacht. Bekommt Ali Trinkgeld, muss er es an seinen Chef abgeben. Zwei der Kinder helfen im Geschäft mit aus, um zusätzlich die Haushaltskasse aufzubessern. Sie dürfen ihr Trinkgeld, sofern sie welches bekommen, behalten. Um Ali zu unterstützen gab es Hotelgäste die besondere Süßigkeiten oder anderes kauften, um es ihm außerhalb des Geschäfts zu geben. Ich fragte mich, ob Ali wirklich immer ein und dasselbe Geld bekam, egal wie viel er verkaufte und inwieweit ich ihm was Gutes tun konnte.


Mal unabhängig ob das wirklich alles zu 100% stimmt (die Wahrheit ist meist irgendwo in der Mitte), konnte ich die Menschen und Ihre aufdringliche Art sofort besser verstehen. Die Menschen dort sind auf das Geld angewiesen. Sie sind auf das Geld angewiesen, um irgendwie leben zu können. Wie ich oben schon angeteasert habe, gibt es viele, die das Hotel nicht verlassen. Sie kommen mit den Zuständen oder der aufdringlichen Art der Leute nicht klar. Bei der Rückfahrt zum Flughafen hatte ein Pärchen ‚versucht‘ das Hotel zu verlassen, kehrte aber kurze Zeit später direkt wieder um. Sie sagten, dass Sie den ‚Slum‘, den sie dort gesehen haben, schrecklich fanden, sie hatten Angst, aufgrund der etwas aufdringlicheren Art der Einwohner. Ein Teufelskreis? Verlassen die Leute die Hotelanlage nicht, haben es die Einwohner außerhalb schwer. Egal ob sie eine Bar, ein Geschäft oder irgendetwas anderes besitzen. Die Einwohner sind in meinen Augen auf den Tourismus angewiesen.


Tun wir Menschen den Einwohnern etwas Gutes, weil

wir dort Urlaub machen und Geld ins Land bringen? Gerade bei AI lässt sich darüber streiten, da das Touristen oftmals noch mehr dazu veranlasst die Anlage nicht zu verlassen, da es in der Anlage alles gibt und Menschen bequem sind. Hotelanlagen sind groß, es gibt viele Beschäftigte, vorrangig Männer, da Frauen in Ägypten wenig bis gar nicht arbeiten. Würden wir jetzt mit Rucksack und Zelt rumreisen, statt AI, vielleicht einfach nur Halbpension oder Frühstück inkludiert haben, würden wir außerhalb von Hotelanlagen mehr essen und trinken, könnten vielleicht auch einfach so jemanden 5 Euro in die Hand drücken und somit mehr davon in Ägypten in arme Viertel verteilen. Aber ist das die Lösung? Ich persönlich kann mir das nicht vorstellen. Viele würden vielleicht keinen Urlaub machen, weil sie sich nur Frühstück mit zusätzlicher Verpflegung außerhalb vielleicht nicht leisten können oder wollen. Alles hat Auswirkungen, was die

Entscheidung der Menschen beeinflusst. Würden wir uns gegen das Hotel und gegen AI entscheiden, gäbe es vielleicht nicht mehr so viele Hotels. Hotels müssten schließen, Personal abgebaut werden, neue Hotels würden auch nicht entstehen… und auch Reparatur- und Renovierungsarbeiten würden für andere wegfallen.

Ich glaube schon, dass Hotels in solchen Ländern noch die größten Einnahmequellen verzeichnen und man den Menschen vielleicht doch etwas Gutes tut. Ich meine, in dem Hotel, wo ich gewesen bin, gab es einen Angestellten, der dafür bezahlt wurde, dass er mit einem Laser die Raben verjagt hat. Bei uns würde niemand eingestellt werden, der diese Aufgabe übernimmt, eher würde man nach anderen Lösungen suchen. Ja, ich denke schon, dass durchaus mehr Leute Chancen haben, einen Job zu bekommen, egal was es für einer ist. Über die Hotels werden z. T. auch Ausflüge gebucht, weil viele sich oftmals ‚sicherer‘ fühlen, so etwas im Hotel zu buchen, statt außerhalb. Aber das ist mein

Eindruck, mein Empfinden und meine Wahrnehmung. Vielleicht bin ich damit auch komplett auf dem Holzweg. Auch wenn ich darüber jetzt nachdenke, muss ich ganz klar gestehen, dass ich mir im Vorfeld über solche Themen meist gar keine Gedanken mache und das für mich auch nicht die Grundthematik von Urlaub sein soll. Klingt das egoistisch? Ich buche Urlaub, um mir selbst etwas Gutes zu tun, egal, wie ich den Urlaub dann gestalte. Wobei ich keine bin, die aufgrund von AI die Hotelanlage nicht verlässt. Das tute ich trotzdem. Ich gehe trotzdem auch draußen essen und trinken.

Natürlich nicht täglich, aber ab und zu, weil ich was sehen möchte. Sollte ich bei meiner nächsten Urlaubswahl solche Thematiken mit einbeziehen und ggf. etwas

anders machen? Hm…


Eins steht jedenfalls fest. Ich bin geerdet wieder zurückgekommen und möchte unter keinen Umständen tauschen. Mein Leben ist nicht perfekt – nein. Und mit Sicherheit ginge alles anders, besser, toller, ABER mir ist wieder einmal mehr bewusstgeworden, wie gut ich es doch eigentlich habe.

 
 
 

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